Was ist das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS)?
Schätzungen zufolge sind bis zu 17 % der Bevölkerung von MCAS betroffen – die meisten ohne Diagnose. Betroffene durchlaufen häufig jahrelange Odysseen zwischen Fachärzten.
MCAS ist eine chronische Erkrankung, bei der Mastzellen – Immunzellen in praktisch jedem Gewebe – auf alltägliche Reize überschießend reagieren und Botenstoffe wie Histamin, Prostaglandine und Leukotriene freisetzen, was zu Symptomen in nahezu jedem Organsystem führen kann.
Das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) ist eine chronische Erkrankung, bei der deine Mastzellen auf Reize überreagieren, die bei anderen Menschen keine Reaktion auslösen. Mastzellen sind Immunzellen, die in praktisch jedem Gewebe deines Körpers sitzen – Haut, Darm, Lunge, Gehirn, Gefäßwände. Ihre Aufgabe ist es, Gefahren zu erkennen und das Immunsystem zu alarmieren. Bei MCAS ist diese Alarmanlage dauerhaft überempfindlich.
Wenn Mastzellen aktiviert werden, setzen sie über 200 verschiedene Botenstoffe frei – darunter Histamin, Prostaglandine, Leukotriene, Tryptase und Heparin. Diese Mediatoren wirken auf Gefäße, Nerven, Darm und Gehirn gleichzeitig. Das erklärt, warum MCAS so viele verschiedene Symptome verursachen kann: Hautreaktionen (Flush, Urtikaria, Juckreiz), Magen-Darm-Beschwerden (Krämpfe, Durchfall, Übelkeit), kardiovaskuläre Symptome (Tachykardie, Blutdruckschwankungen), neurologische Symptome (Brain Fog, Kopfschmerzen, Schwindel) und systemische Reaktionen wie Fatigue und Temperaturempfindlichkeit.
Wichtig: MCAS ist nicht Mastozytose. Bei Mastozytose sind die Mastzellen krankhaft vermehrt. Bei MCAS ist ihre Anzahl normal – aber ihre Aktivierungsschwelle ist dauerhaft gesenkt. Aktuelle Forschung von Molderings und Afrin zeigt, dass bei vielen Betroffenen somatische Mutationen in Genen wie KIT vorliegen, die die Signaltransduktion der Mastzellen beeinflussen. Dazu kommen epigenetische Faktoren: chronischer Stress, Infektionen (z. B. EBV, COVID-19), Umwelttoxine und Dysbiose können die Mastzell-Reaktivität dauerhaft verändern.
Die Diagnose erfolgt nach drei Kriterien: (1) typische Symptome in mindestens zwei Organsystemen, (2) Nachweis erhöhter Mastzellmediatoren im Blut oder Urin und (3) Ansprechen auf mastzellstabilisierende Therapie. Wenn du seit Jahren unerklärliche, wechselnde Symptome hast, die kein einzelner Facharzt erklären kann, könnte MCAS der gemeinsame Nenner sein.
Im Detail
Die Pathophysiologie von MCAS ist komplex und noch Gegenstand aktiver Forschung. Molderings et al. (2011) beschrieben MCAS als systemische Erkrankung mit klonaler oder nichtklonaler Mastzellaktivierung. Afrin et al. (2016) zeigten in einer umfassenden Übersichtsarbeit, dass die Prävalenz deutlich höher ist als bisher angenommen – sie schätzen, dass bis zu 17 % der Bevölkerung betroffen sein könnten.
Besonders relevant ist die bidirektionale Kommunikation zwischen Mastzellen und dem autonomen Nervensystem. Mastzellen und der Vagusnerv bilden eine funktionelle Einheit. Stress aktiviert Mastzellen über CRH (Corticotropin-Releasing Hormone) und Substanz P, und Mastzellmediatoren stören wiederum die vagale Regulation. Dieser Teufelskreis erklärt, warum viele MCAS-Betroffene auch unter Dysautonomie oder POTS (posturales Tachykardiesyndrom) leiden (Theoharides et al., 2012).
Valent et al. (2012) etablierten die internationale Konsensusdefinition, die MCAS als eigenständige Entität von Mastozytose und allergischen Erkrankungen abgrenzt. Die Abgrenzung ist klinisch bedeutsam: Während bei Allergien ein spezifisches IgE-vermitteltes Antigen die Reaktion auslöst, können bei MCAS Hunderte verschiedener Trigger – von Temperaturänderungen über Gerüche bis hin zu mechanischem Druck – die Mastzellen aktivieren.
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Das Wichtigste in Kürze
- 1MCAS betrifft schätzungsweise bis zu 17 % der Bevölkerung – die meisten sind nicht diagnostiziert (Afrin et al., 2016).
- 2Mastzellen setzen über 200 verschiedene Mediatoren frei – Histamin ist nur einer davon.
- 3MCAS ist nicht Mastozytose: Die Mastzellen sind nicht vermehrt, sondern überaktiv.
- 4Die Diagnose erfordert Symptome in mindestens zwei Organsystemen, erhöhte Mediatoren und Therapieansprechen.
- 5Somatische KIT-Mutationen und epigenetische Faktoren (Stress, Infektionen) können die Mastzell-Reaktivität dauerhaft verändern.
Verwandte Fragen
Kann MCAS plötzlich auftreten oder hat man es von Geburt an?
Welche Organsysteme können bei MCAS betroffen sein?
Ist MCAS eine Autoimmunerkrankung?
Quellen & Referenzen
- Presentation, Diagnosis, and Management of Mast Cell Activation SyndromeAfrin L.B., Self S., Menk J., Lazarchick J. – Current Allergy and Asthma Reports (2016) DOI: 10.1007/s11882-016-0620-y
- Mast cell activation disease: a concise practical guide for diagnostic workup and therapeutic optionsMolderings G.J., Brettner S., Homann J., Afrin L.B. – Journal of Hematology & Oncology (2011) DOI: 10.1186/1756-8722-4-10
- Mast Cells as Sources of Cytokines, Chemokines, and Growth FactorsTheoharides T.C., Alysandratos K.D., Angelidou A. et al. – Immunological Reviews (2012) DOI: 10.1111/j.1600-065X.2011.01067.x
- Definitions, criteria and global classification of mast cell disorders with special reference to mast cell activation syndromesValent P., Akin C., Arock M. et al. – International Archives of Allergy and Immunology (2012) DOI: 10.1159/000332560
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Arzt · Regenerationsmedizin · Gründer des MOJO Instituts
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